Therapieansatz für die Retinitis pigmentosa: TES

Retinitis pigmentosa mit peripheren "Knochenbälkchen"

Retinitis pigmentosa (RP) ist die Bezeichnung für eine Gruppe von angeborenen, progressiv verlaufenden Augenerkrankungen, die den Untergang der Zellen der Netzhaut (Retina), des sehfähigen Gewebes am Augenhintergrund, zur Folge haben. Es gibt unterschiedliche Verlaufsformen der Erkrankung, manche Formen beginnen früh im Jugendalter, andere Formen werden erst spät im Erwachsenenalter diagnostiziert. Allen Formen der Retinitis pigmentosa gemeinsam ist als Hauptsymptom eine kontinuierlich fortschreitende Gesichtsfeldeinschränkung; zusätzlich leiden die meisten Patienten mit Retinitis pigmentosa sehr früh unter Nachtblindheit und sind oft vermehrt lichtempfindlich, im Verlauf verschlechtern sich das Kontrast- und das Farbensehen, bei vielen Patienten später auch die Sehschärfe, so dass die Sehkraft bei Retinitis pigmentosa allmählich nachlässt. Der gesamte Prozess verläuft bei Retinitis pigmentosa schleichend und erstreckt sich beim Betroffenen meistens über Jahrzehnte. Weltweit leiden etwa ein bis drei Millionen Menschen - in der Bundesrepublik Deutschland etwa 30-40.000 - an einer der verschiedenen Formen der Retinitis pigmentosa. Obwohl die Retinitis pigmentosa schon Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben worden ist, gibt es bis heute keine erfolgreiche Therapie, welche den Prozess des Absterbens der Sehzellen verlangsamen oder zum Stillstand bringen kann.

Transkorneale Elektrostimulation als Therapie bei Retinitis pigmentosa

TES - Elektrostimulation mit der Therapiebrille

Seit einigen Jahren wird versucht, elektrische Ströme zur Wiederherstellung verloren gegangener neuronaler Funktion oder zur Verlangsamung einer üblicherweise fortschreitenden Degeneration therapeutisch einzusetzen. Forschungen zeigten zweifelsfrei einen zellerhaltenden Effekt transkornealer Elektrostimulation (EST) auf absterbende Netzhautzellen. Eine Pilotstudie mit 24 Retinitis pigmentosa-Patienten zeigte: Nach nur 6-maliger Elektrostimulation einmal wöchentlich und einer Stimulationsdauer von 30 Minuten konnten bei Retinitis pigmentosa signifikante Vergrößerungen der Gesichtsfeldareale und Verbesserungen der Netzhautfunktion festgestellt werden.

Eine wesentliche Verbesserung der zentralen Sehschärfe (z.B. zur Wiedererlangung der Fahrtauglichkeit) ist nach der TES-Therapie leider auch nicht zu erwarten. Die Vergrößerung des Gesichtfeldes soll vielmehr den Fortschritt der Gesichtsfeldverlustes (Tunnelblick) hemmen und die Orientierung im Raum und in der Umgebung des Retinitis pigmentosa Patienten verbessern.

Der Ablauf der Stimulationstherapie

OKUSTIM-System der Firma Okuvision mit Stimulationsbrille und mobiles Steuergerät zur Therapie bei Retinitis pigmentosa

Stimulation: Die Stimulation wird mit den von der Firma Okuvision GmbH (Gerhard Kindler Straße 8, 72770 Reutlingen) entwickelten und CE-zertifizierten Stimulationsbrille, Elektrode und Stimulationsgerät durchgeführt werden (Okustim-System). Sie kaufen sich dieses Gerät zur Verwendung direkt bei der Firma (sh. Kaufvertrag Okustim-System). Aus Sicherheitsgründen und um die Verläufe beider Augen vergleichen zu können, wird bis zum Vorliegen der Expertenempfehlung (s. unten) nur ein Auge stimuliert.

In einem ersten Schritt werden Ihre Schwellenwerte bestimmt. Dann wird die Stimulation auf 150% der Reizamplitude des Schwellenwertes erfolgen. Bei den Tesola-Einstellungsterminen in unserem Augenzentrum wird die individuelle Schwelle jeweils nachbestimmt und

die Einstellung für die folgenden häuslichen Behandlungswochen festgelegt. Die Stimulationsdauer beträgt 30 Minuten einmal wöchentlich, insgesamt ein halbes Jahr lang und erfolgt zum Teil im Augenzentrum München, zum Teil zu Hause:

Die ersten vier Therapiebehandlungen finden im Augenzentrum in München statt, wo Ihnen und/oder Ihren Familienangehörigen erläutert wird, wie die Stimulationsbrille anzusetzen und das Stimulationsgerät zu bedienen ist (Schulungsphase). Ab dem 4. Therapietermin sollen die Stimulationsbehandlungen dann in folgendem Rhythmus stattfinden: 11 Wochen zu Hause und 1 Mal zur weiteren Einstellung im Augenzentrum in München.

Die für Sie bestimmte Stärke der Behandlung wird vom Arzt bestimmt und Sie erhalten zum Studienbeginn einen USB-Stick, den Sie zu jeder Stimulation und Untersuchung mitbringen müssen. Auf diesem werden Ihre individuellen Einstellungen und die Behandlungen gespeichert.

Zur Erfassung möglicher Wirkungen der Therapie sind bei Ihnen folgende Untersuchungen geplant:

  • Befragung zur medizinischen Vorgeschichte und Einnahme von Medikamenten
  • Allgemeine augenärztliche Untersuchung: Sehschärfe, vorderer und hinterer Augenabschnitt, Augeninnendruckmessung
  • Gesichtsfelduntersuchung
  • Optische Kohärenztomographie (OCT): eine Art Dichte-Messung der Netzhautschichten
  • Fotoaufnahmen von der Netzhaut

Die Gesamtzeitdauer der Untersuchungen beträgt ca. 1-3 Stunden. Die Untersuchungen werden in den Räumen des Augenzentrum in München durchgeführt.

Bei der Gesichtsfelduntersuchung sitzen Sie vor einer schwach beleuchteten Halbkugel und müssen einen dargebotenen Punkt, sofern Sie ihn gesehen haben, durch Drücken eines Summers bestätigen.

Bei der OCT (Optische Kohärenz Tomographie) -Untersuchung wird die Struktur und Dichte bzw. Dicke der Netzhaut mithilfe von Licht vermessen.

Durch die evtl. verwendeten Augentropfen kommt es zu erhöhter Blendempfindlichkeit, die jedoch nach zwei bis drei Stunden vollständig abklingen, in dieser Zeit sollten Sie jedoch nicht aktiv am Straßenverkehr, z. B. als Fahrer eines Autos, teilnehmen.

Risiken, Nebenwirkungen und Kontraindikationen bei TESOLA

Die Erfahrungen der Pilotstudie haben gezeigt, dass die Stimulationsbehandlung bei Retinitis pigmentosa risikoarm ist. Bei einigen Patienten mit einem vorbestehenden trockenen Auge kam es zu Bindehaut-Reizungen, welche mit Tränenersatzmittel leicht behandelt werden konnten.

Ab einer individuell verschiedenen Stromstärke kann es zu so genannten ?somatosensorischen
Missempfindungen? kommen, z. B. leichtem Muskelzucken und ?kribbelnden? Empfindungen, ungefähr so, wie wenn man mit der Zunge eine 4.5 V-Batterie berührt, jedoch weniger stark. Die eigentliche Stimulation selbst, die 30 Minuten dauert, werden Sie kaum oder gar nicht wahrnehmen. Sie müssen lediglich mit dem Gerät verbunden bleiben, können jedoch nebenbei zum Beispiel sprechen oder Musik hören.

In allen bisherigen Studien ist bei Retinitis pigmentosa Patienten über keinerlei bleibende negative Wirkungen der Elektrostimulationstherapie berichtet worden, einhundertprozentig ausschließen lassen sich diese jedoch naturgemäß niemals. Denkbar ist eine Verschlechterung eines der untersuchten Parameter, zum Beispiel gerade durch die vermehrte Ausschüttung von Wachstumsfaktoren, die zu einem Gefäßwachstum führen könnte. Allerdings würde sich dies zum Beispiel gezielt durch eine Injektion behandeln lassen. Sollte sich unerwartet irgendeine andere Verschlechterung einstellen, würde die Studie für Sie selbstverständlich beendet und geeignete Therapiemaßnahmen ergriffen werden.

K o n t r a i n d i k a t i o n e n

Sie sollten abgesehen von  Ihrer Augenerkrankung, der Retinitis pigmentosa, an keinen schweren, allgemeinen Grunderkrankungen leiden (keine schweren neurologischen Erkrankungen, keine psychischen Erkrankungen, keine bösartigen oder Tumorerkrankungen). Patienten mit Gefäßwucherungen am Augenhintergrund oder fortgeschrittenen krankhaften Veränderungen des Augenhintergrunds durch Diabetes sowie Silikonöl-Füllung oder altersbedingter Makuladegeneration oder trotz Operation fortbestehender großflächiger Netzhautablösung können leider nicht an dieser Studie teilnehmen.

Kosten der Erstberatung und Eignungsprüfung für TES-Therapie

Erstuntersuchung und Erstberatung (nach Aufwand) ca. 230.- €